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Die Stadtgeschichte von Nerchau
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Das Bild zeigt eine alte Aufnahme vom Markt um 1912



Jugendstilhäuser am Südrand des Marktplatzes
mit Restaurant Zur Post um 1912
Im Vordergrund alte Viehwaage, daneben
einer der zahlreichen Stadtbrunnen

Der berühmte Chronist Thietmar von Merseburg berichtet, das 974 König Otto II. dem Bistum Merseburg u.a. einen Ort "Nirichua" geschenkt hat. Daraus läßt sich schließen, daß es ein wichtiger Ort war, der im Zuge des frühen Landesausbaues im Slawengau "Chutitzi" eine große Rolle gespielt hatte. Einen Spielball gleich zwischen weltlichen und geistlichen Interessen, Machtkonstellationen und Absichten wechselten die Besitzer des Ortes, was mit der Auflösung des Merseburger Bistums 981 begann. Die Stadt muß um 1150 so groß angelegt worden sein, wie sie noch vor 100 Jahren bestand. Die Bewohner erwarben aber nie Stadtrecht, sondern immer nur ein Weichbildrecht, das eine Zwischenstellung von Bauern und Stadtbürgern verkörperte. 1282 erwarben die Meißener Bischöfe die Stadt, die in dieser Urkunde erstmals so als "oppidum" genannt wird. Die einstmalige Muldenfurt verlor durch die Förderung der markgräflichen Stadt Grimma mehr und mehr an Bedeutung. Die geistliche Macht über die Stadt blieb bis zur Reformation in den Händen der Meißener Bischöfe, die weltlichen Rechte hatten seit dem 14. Jahrhundert die jeweiligen Vertreter der Wettinischen Landesherrschaft inne. Die Oberhoheit lag bei den Markgrafen, sie setzten 1421 eine Grund- und Gerichtsherrschaft von Limbach in Nerchau ein. Sie wird ihren Sitz östlich der Kirche gehabt haben. Im Laufe des 15. Jahrhunderts hörte der Burgward auf zu bestehen. Dort erweiterte sich dann das Terrain der Kirche, über deren Frühgeschichte nichts bekannt ist. Die geteilte Stadt fiel 1534 vollständig an die unterdessen mächtig gewordene Trebsener Herrschaft. Nach diesem Kauf blieb die nie voll entfaltete Stadt über 300 Jahre lang von den jeweiligen Herren des Nachbarstädtchens bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts abhängig.

Nach jahrhundertelangen Bemühungen wird Nerchau 1812 das Recht zugestanden, drei Jahrmärkte abzuhalten. Das Städtchen hatte das ganze Mittelalter hindurch kein Marktrecht, keine bedeutende handwerkliche Produktion und keinen regierenden Rat bis 1873, da aus dem Gemeindevorstand ein Bürgermeister wurde. Städtisch war nur das Recht, Bier zu brauen, eben jenes bekannte "Pumpernickel", das der Qualität wegen auch anderswo getrunken wurde. Damit aber begannen die Auseinandersetzungen mit umliegenden, privilegierten Brauberechtigten. Ein Prozeß (1547/49) um das Recht des Nerchauer Bierexportes ist die Folge eines länger sich hinziehenden "Bierkrieges" mit Grimma. Die "Braunahrung" war für das Städtchen Nerchau neben der landwirtschaftlichen Produktion eine wichtige Lebensgrundlage. Von Wurzen her in Richtung Leisnig durchzieht den Ort die Hauptstraße, auf der wohl schon 968 der arabische Kaufmann und Gelehrte Ibrahim ibn Jacub von Merseburg über Wurzen nach Prag gereist ist. Abseits davon lag die Burg, die über einen Pfad mit dem "Saumarkt" verbunden war. Er muß als Dorfplatz eines namentlich nicht bekannten slawischen Dorfes angesehen werden. Die Straße folgt einer Verbindung zwischen wichtigen Burgwarden des 10. Jahrhunderts und hielt sich im wesentlichen an den Muldenlauf. Hier wurde nicht das Dorf erweitert, sondern an der Straße eine Stadt konzepiert. Aber die erwartete große Entwicklung trat nicht ein, wenn auch - bedingt durch die Kirche - Funktionen für ein größeres Gebiet übernommen wurden. Auf eine solide Entwicklung der Stadt nach 1550, als es in Nerchau etwa 220 Einwohner gab, folgte die Katastrophe des 30jährigen Krieges mit einer starken Abnahme der Bevölkerung. 1764 waren es bereits wieder 470 und 1834 schon 639 Einwohner. Sie übertrafen schon im 17. Jahrhundert zahlenmäßig die Bauern, erlangten aber nie die soziale Gleichstellung mit ihnen. Die konservative "Gutsbesitzergemeinde" schloß Handwerker von Gemeinderecht und -pflicht bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts aus. Mit gesetzlicher Entscheidung wurden 1840 alle Zinsgetreidelieferungen an das Rittergut Trebsen durch eine einmalige Geldzahlung aufgehoben. Von da an konnte jeder Gutsbesitzer unumschränkt über seinen Besitz verfügen. Der tiefgreifende Wandel zeigte sich im Stadtbild mit der Auflösung von Gütern in Handwerkerhäusern, in Bevölkerungszunahme, sozialer Differenzierung und langsamer Industrialisierung.

Nach der Annahme der revidierten Gemeindeordnung von 1857 folgten die Fabrikgründungen:

- 1887 Papierfabrik
- 1891 Farbwerke
- 1893 Ofenfabrik
- 1904 Buchbinder, Goldschnittmacher und Drechsler Seit der vorigen Jahrhundertwende produzierte man auch Schiebe- und Abziehbilder für die Keramische- und Glasindustrie.

Am 23.10.1943 war ein amerikanischer Luftangriff auf Nerchau, bei dem die Papierfabrik vollständig und die Farbenwerke teilweise ausgebombt wurden. Danach wurden die Farb- und die Lackfabrik sowie die Keramische Kunstanstalt und ein 1942 hierher ausgelagerter Betrieb "Wings-Lackfabrik" aus Wuppertal enteignet.

Aus drei Betrieben entstanden 1947 die "Vereinigten Farben- und Lackfabriken Nerchau". Von 1949 an wurde in dreijähriger Bauzeit eine völlig neue Produktionsanlage errichtet. 1958 erfolgte der Gleisanschluß und der Einsatz des Kranes zu Verladearbeiten.

Aber noch deutlicher sind die neuen Dimensionen unmittelbar neben der Stadt sichtbar: 1968 begann der Autobahnbau mit der Muldenüberquerung Gestalt anzunehmen. Am 5.10.1971 wurde die 342 m lange Autobahnbrücke übergeben. In weiteren Etappen folgte die durchgehende Nutzung der Autobahn zwischen Leipzig und Dresden.

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